Im Innenhof des Cafés Liquidâmbar, nahe des Studierendentreffpunktes Praca da República in Coimbra diskutiert bei meiner Ankunft bereits ein Grüppchen überwiegend junger Leute über den Lithiumabbau in Nordportugal. Ich hole mir um café an der Bar und geselle mich dazu um am politischen Treffen teilzunehmen.  Es handelt sich um ein erstes offenes Treffen der regionalen Arbeitsgruppe von Minas Não am 12. Februar 2022 mit dem Ziel über die sozialökologischen Konsequenzen des Lithiumabbaus in Portugal zu informieren und neue Mitstreiter:innen zu finden, die an Protestaktionen teilnehmen oder die Bewegung anderweitig unterstützen wollen. Während Aktivist:innen der Bewegung Minas Não (dt. Nein zum Bergbau) ihre Erfahrungen und ihr Wissen mit den bereits Anwesenden teilen, kommen nach und nach weitere Interessierte dazu – mal mit und mal ohne Getränk– setzen sich ohne zu unterbrechen dazu, drehen sich eine Kippe und lauschen. Im Hintergrund bereitet die Band des Abends – Freddy Strings – eine Lichtinstallation vor und stellt Mikros auf. Später gibt es música ao vivo. Ein Tisch weiter sitzen Studierende über einer Gruppenarbeit am Laptop. Zwei Frauen* trinken Wein.

Wir sprechen über die aktuellen Ereignisse und Beschlüsse zum Lithiumabbau in Portugal, über die acht derzeit aktiven Abbaukonzessionen und die ländlichen Regionen Covas do Barroso und Montalegre im Norden, wo sich ein Großteil des Lithiumabbaus in Portugal konzentriert. Portugal hat die größten Lithiumvorkommen innerhalb Europas und ist daher für die von der Europäischen Union aufgestellten Strategien zur Energiewende von besonderer Relevanz (Carballo Cruz / Cerejeira 2020: 2). Weltweit steht Portugal an achter Stelle der globalen Lithiumlieferanten, im Vergleich zum Lithiumdreieck zwischen Chile, Argentinien und Bolivien machen die portugiesischen Lithiumreserven global betrachtet jedoch nur einen Bruchteil aus (Statista 2022). Etwas mehr als die Hälfte der ausgestellten Lizenzen zur Exploration von Lithium in Portugal betreffen die Region Covas de Barroso, in der das Unternehmen Savannah Lithium Lda. aktiv ist. Hier sollen sich 27 Millionen Tonnen lithiumhaltiges Gestein befinden (Wandler 2020). Obwohl die Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) die Region 2018 zum landwirtschaftlichen Weltkulturerbe ernannt hat, wird der Lithiumabbau von der sozialistischen Regierung unter Ministerpräsident Antonio Costas unterstützt, die in diesem vor allem eine wirtschaftliche Chance sieht (Carballo Cruz / Cerejeira 2020: 3).

Doch gegen das Vorhaben der Regierung regt sich insbesondere im strukturschwachen Norden Portugals Widerstand. Die mit Bergbauextraktivismus einhergehenden Umweltprobleme liegen auf der Hand: wo Metalle und seltene Erden für die globale Energiewende abgebaut werden, werden Böden, Luft und Grundwasser verschmutzt (Silva Perreira 2018: 40). Potenzielle Risiken des Lithiumbergbaus liegen laut Kaunda (2020: 244) in Wassermangel- und Verschmutzung, toxischen Auswirkungen auf Flora und Fauna, Abfallerzeugnissen und -Entsorgung und Bodensenkungen. Die Kontaminierung von Grundwasser und gesundheitliche Probleme durch Schwermetallbelastungen betreffen dabei zuerst die lokale Bevölkerung. Insbesondere in Dürreperioden besteht die Gefahr, das Wasserverschmutzung und ein immenser Wasserverbrauch im Bergbau zur überregionalen Wasserknappheit beitragen. Während Portugal das europäische Ausland mit Lithium für den Antrieb umweltfreundlicher(er) Fahrzeuge versorgt, werden die Auswirkungen auf das Ökosystem vor Ort sichtbar (Silva Pereira 2018: 40). Silva Pereira (2018: 40) sieht insbesondere die Landwirtschaft und den Ökotourismus durch die Umweltverschmutzung in Gefahr. Zwei Einkommensquellen, deren Erhalt sozioökonomisch relevant ist, denn die vom Unternehmen Savannah Lda. versprochenen Arbeitsplätze sind begrenzt: Während die Lithiummine in Covas de Barroso während der Konstruktionsphase 300 Arbeitsplätze schaffen soll, sind es im vollen Betrieb nur noch 120 und zwar beschränkt auf den geplanten Abbauzeitraum von 11 Jahren (Carballo Cruz / Cerejeira: 2020: 18).

Während die konkreten sozialen und ökologischen Konsequenzen des Lithiumabbaus in Covas do Barroso bisher nur vermutet werden können und sich auch der lokale Widerstand gegen das extraktivistische Großprojekt noch in der Anfangsphase befindet, kann ein Blick nach Lateinamerika neue Erkenntnisse liefern. Beim Treffen im Café Liquidâmbar werden Parallelen zu territorialen und sozialen Konflikten im Zusammenhang mit Bergbauextraktivismus in Lateinamerika gezogen. Aus den zahlreichen kommunitären, ruralen und indigenen Widerstandsbewegungen Lateinamerikas sind Protestformen, Praktiken und Strategien hervorgegangen, die ein neokoloniales und kapitalistisches Wirtschaftssystem in Frage stellen und Alternativen aufzeigen. Ein Beispiel hierfür ist das Konzept des Buen Vivir (dt. gutes Leben), welches indigene Ontologien und traditionelles Wissen in den Vordergrund stellt und sich von einem auf ökonomischen Wachstum basierenden Entwicklungsbegriff abwendet (Gudynas 2012: 168, 175). Der Widerstand in Lateinamerika richtet sich auch gegen eine historische (neo)koloniale Ausbeutung, die mit dem Konzept des Extraktivsmus einhergeht. Auch wenn der historische Kontext in Portugal ein anderer ist, lohnt sich ein Blick auf lateinamerikanische Widerstandsbewegungen, um von ihren Kämpfen und Utopien zu lernen.                                                                                   

Zurück zur Assembleia in der Liquidâmbar. Endlich geht es um konkrete Maßnahmen: Plakate malen, Flyer verteilen, Protestmärsche, Social Media und das nächste Orgatreffen. Während viel über E-Autos und die Energietransition diskutiert wird, sind sich die Anwesenden in dem Wunsch nach einem post-fossilen Zeitalter einig. Klar ist: der Lithiumabbau in Portugal wird ausgebaut werden. Klar ist auch, wir brauchen Lithium für eine Energiewende und eine Infrastruktur, die ohne fossile Brennstoffe auskommt. Ohne einen grundlegenden Wandel unserer Lebens- und Konsumweisen wird jedoch keine nachhaltige Zukunft möglich sein. Im Jahre 2022 sind metallische Rohstoffe längst zu unseren täglichen Begleitern geworden. Lithium befindet sich dabei nicht nur in E-Autos, sondern ist auch ein grundlegendes Metall der Digitalisierungsära (Heinz et al. 2020: 1). Studien zeigen, dass ein weltweiter Umstieg auf E-Mobilität und die Entwicklung neuer Zukunftstechnologien im Zuge der Energietransition unseren metallischen Rohstoffverbrauch maßgeblich steigern werden (ebd.: 7). Der Konsum und die Extraktion von Rohstoffen ist dabei global ungerecht verteilt (ebd.: 4). Daher ist es höchste Zeit die Idee eines Green Mining kritisch zu betrachten und Alternativen und Konzepte zu entwickeln, die nicht nur eine Energie- sondern auch eine Rohstoffwende ermöglichen. Wichtige Etappen hin zu einem Paradigmenwechsel im Umgang mit natürlichen Ressourcen sind unter anderem die Verpflichtung von Unternehmen zu sozialer Verantwortung, umfangreiche Umweltverträglichkeits- prüfungen, eine basis-demokratische Vergabe von Lizenzen, die Einhaltung der ILO Konvention 169 zur vorherigen Befragung lokaler Bevölkerungen und eine lokale, partizipative Raumplanung (Heinz et al. 2020: 14ff.). Kurz: Eine nachhaltige Rohstoffnutzung erfordert mehr Recycling und weniger Konsum. Die Aktivist:innen von Minas Não haben dies erkannt und machen daher auf die sozialökologischen Konsequenzen des Lithiumabbaus in Portugal aufmerksam.

Der ökologische Fußabdruck Portugals liegt derweil übrigens bei 2,8. Das bedeutet, so viele Erden wären nötig, um den hierzulande verbreiteten Lebensstil mit der Weltbevölkerung zu teilen (Statista 2021).

Literatur

Carballo-Cruz, Francisco/Cerejeira, João (2020): The Mina do Barroso Project. Economic and Development Impacts. A study conductet for: Savannah. Braga, Universidade do Minho.
Gudynas, Eduardo (2012): Caminos para las transiciones postextractivistas. In: Alayza, Alejandra/Gudynas, Eduardo (2012): Transiciones. Postextractivismo y alternativas al extractivismo en el Perú. Lima, Centro Peruano de Estudios Sociales CEPES.
Heinz, Rebecca/Reckordt, Michael/Sydow, Johanna (2020): 12 Argumente für eine Rohstoffwende. Online verfügbar unter: https://power-shift.de/12-argumente-fuer-eine-rohstoffwende/ (abgerufen am 07.03.2022).
Silva Perreira, Elma Ticiana (2018): Lithium in Portugal. From an opportunity to a (hidden) threat. Masterarbeit. Porto, Universidade de Porto. Online verfügbar unter: https://repositorio-aberto.up.pt/browse?type=author&value=Elma+Ticiana+Silva+Pereira (abgerufen am 07.03.2022)
Statista (2022): Länder mit den größten Lithiumreserven 2021. Online verfügbar unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/159933/umfrage/laender-mit-den-groessten-lithiumreserven-weltweit/ ( abgerufen am 20.02.2022)
Statista (2021): Ökologischer Fußabdruck*: Anzahl der benötigten Erden, wenn die Weltbevölkerung wie die Bevölkerung der aufgeführten Länder leben würde. Online verfügbar unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/588224/umfrage/oekologischer-fussabdruck-der-laender-mit-den-hoechsten-werten (abgerufen am 20.02.2022)
Wandler, Reiner (2020): Lithiumabbau in Portugal: Böse Minen zum guten Spiel. Die taz vom 21.01.2020. Online verfügbar unter: https://taz.de/Lithiumabbau-in-Portugal/!5655713/ (abgerufen am 20.02.2022)


Alina Heuser hat Europäische Ethnologie und Interdisziplinäre Lateinamerikastudien in Berlin studiert und sich in ihrer Masterarbeit mit den Widerstandspraktiken indigener Frauen* gegen Bergbauextraktivismus in Mexiko befasst. In Zukunft möchte sie gerne weiter zu sozial-ökologischen Konflikten forschen.

Interessensgebiete: Extraktivismus, Geschlechterverhältnisse, Digitaler Aktivismus
Regionen: Lateinamerika