Wie bewegt Umwelt Menschen und wie bewegen Menschen ihre Umwelt(en)?
von Elisabeth Brosterhus, Freya Brosterhus und Rosa Dümlein
Diese Frage und die damit verbundenen Anliegen, Interessen, Aktivitäten und Zukunftsvisionen im Umgang mit Umwelt(en) standen im Mittelpunkt des Workshops der AG Umweltethnologie der DGSKA im November 2024.

In diesem Rahmen konnten wir auch die Premiere unseres Dokumentarfilms: „Berührte Gelände“ (von Elisabeth Brosterhus, Freya Brosterhus und Rosa Dümlein) zur Diskussion stellen.
Der Film erzählt die Geschichte einer Begegnung zwischen unterschiedlichen Orten in Ostwestfalen-Lippe und der Künstlerin Elisabeth. Der Prozess wird dabei filmisch begleitet. Es werden Auswahl und Selektion der Materialien im ländlichen Raum, die dabei entstehende Veränderung der Akteur:innen durch die künstlerische Auseinandersetzung, bis hin zur Ausstellung im städtischen Raum dokumentiert.

Gerade im Hinblick auf den menschengemachten Klimawandel, ein globales Massenaussterben (vgl. Dawson 2022) und sich wandelnde Umwelt(en) stellt sich die Frage: “Was tun, wenn einem die Welt in Stücke geht?” (Tsing 2019: 13), wie verändern uns die Umwelt(en), wie können wir uns ihnen nähern, wie werden wir mit ihnen verwandt (vgl. Haraway 2007)?

Für Elisabeth ist der Spaziergang eine mögliche Art, mit der Landschaft umzugehen und ihr zu begegnen:
„Jedem Spaziergang draußen durch die Feldmark liegt eigentlich der Wunsch zugrunde, mit dem
Umfeld verschmelzen zu wollen, die Grenzen der Körperhaftigkeit zu überwinden und sich körperlos durch Raum und Zeit zu bewegen […] seitdem nehme ich die Natur in mir immer mit” (E. Brosterhus 2019).
Den in ihrem Schaffensprozess entstehenden Interaktionen zwischen menschlichen und mehr-als-menschlichen Akteur:innen widmet sich unser Kurzfilm “Berührte Gelände”, der die Künstlerin Elisabeth Brosterhus bei ihrer Ausstellung “Sag mir wo die Blumen sind” (Torhaus, Rombergpark, Dortmund) begleitet.


Elisabeth setzt sich in ihren Arbeiten mit ihrer unmittelbaren Umgebung in Ostwestfalen-Lippe und deren Wandel auseinander. Bei ihrer Ausstellung in Dortmund hat sie besonders der Gedanke begleitet, wie man die Gelände Steinheims und das dort sichtbare Waldsterben in die Stadt bringen kann. Wie kann man das, was auf dem “Land” passiert, für die Menschen in der Stadt greifbar machen und sie damit berühren?

Dabei erzählen die Materialien Heu, Baumrinde, Erdpigmente und Glas vielgestaltige Multispeziesgeschichten von Annäherungen, Interaktionen und In-Beziehung-Treten mit den Landschaften und Umwelt(en) in Ostwestfalen-Lippe durch das Medium Kunst. Es kristallisiert sich eine wechselseitige Beeinflussung zwischen den menschlichen und mehr-als-menschlichen Akteur:innen heraus: „Die Landschaft hat sich in meine Werkstoffe eingeschlichen, denn Materialien haben eine Herkunft und damit einen Ort” (E. Brosterhus 2024), so verwendet Elisabeth z.B. Erdpigmente aus der Region als Farben für ihre Malereien.

Der Film begreift Kunst als ein Medium, sich mit Umwelten vertraut und verwandt zu machen, denn “[i]m Zuge der Debatten zum Anthropozän, Klimawandel und Artensterben reagieren Künstlerinnen und Künstler seit der Jahrtausendwende demgegenüber zunehmend” (Newsletter KUNSTFORUM Band 281, 19.4.2022).
Die Fragen, wie man mehr-als-menschlichen Akteur:innen in einer filmischen Auseinandersetzung auf Augenhöhe begegnen und wie man ihnen eine Handlungsmacht geben kann, wenn sie eine andere Sprache sprechen als wir, haben uns den ganzen Prozess über begleitet. So haben wir uns vor und während der Dreharbeiten mit Ansätzen der Berührung als Form der Kommunikation mit Pflanzen (Calkins and Ertl 2022) sowie mit verschiedenen Spürtechniken (Kuni 2020) auseinandergesetzt. Auch die Arbeiten von Natasha Myers (2020), die eine Methodologie des Mitfühlens mit Pflanzen entwickelt (ebd.), inspirierten unseren anthropologischen Zugang zum Projekt. Daher wollten wir den Schwerpunkt auf die Interaktion zwischen den Materialien und der Künstlerin legen und uns fragen, wie sich beide durch die Interaktion verändern.
Begleitend waren Fragen einer audiovisuellen Umsetzung dieser Inhalte ständige Begleiter des Projekts, denn wo fängt ein Gelände an, wo hört es auf? Wonach entscheiden wir, welche Aufnahmen das Gelände repräsentieren? Wie bestimmen wir den Filmausschnitt für ein Gelände? Und wie gehen wir mit unserer Machtposition als Autorinnen und Filmemacherinnen um, wenn wir nicht die gleiche Sprache sprechen wie die mehr-als-menschlichen Akteur:innen des Films?
Besonders spannend fanden wir, wie durch Kunst eine Landschaft mobil gemacht werden kann, indem die Künstlerin selektiv Materialien herausnimmt, neu zusammensetzt und so in einem anderen Raum ein neues Gelände entstehen lässt. Dieser “Transport der Umwelt(en)” von der ländlichen Landschaft in Ostwestfalen-Lippes in die urbane, artifizierte Natur inmitten des Botanischen Gartens in Dortmund und in einen musealen Rahmen lässt die Grenzen des Geländes verschwimmen. Wir haben versucht, die daraus resultierenden Veränderungen und die Auflösung der Ortsgebundenheit durch eine Montage aus Ton und überlagerten Filmaufnahmen auszudrücken. Dennoch setzen wir weiterhin künstliche (und künstlerische?) Grenzen, die ein Resultat unseres Ästhetikempfindens sowie unserer Perspektive und Emotionen in Bezug auf die Orte/Umwelten sind und uns in der Auseinandersetzung ebenfalls beeinflusst haben.

Eine Verschmelzung und gegenseitige Verwandlung der Materialien, Landschaften und Künstlerin wurde in der Herstellung der Glasfossilien besonders sichtbar. So beschreibt Elisabeth, wie durch das Zusammenbringen von verschiedenen Elementen, also Mineralien und Feuer, eine Verwandlung zu einem Material stattfindet, welches “[…] dann hart ist, aber trotzdem nie so starr wird, dass es sich nicht mehr bewegt, sondern es bewegt sich nur noch ganz langsam. […]. Und plötzlich verändert sich die Zeitebene“ (E. Brosterhus 2024).
Das Material Glas wirft damit Fragen nach einer Zeitlichkeit im Kontext mit einem Umgang von Umwelt(en) im Wandel auf. Wie können wir Umweltveränderungen wahrnehmen, sichtbar machen, wenn sie in anderen Geschwindigkeiten ablaufen, wie können wir lernen, in anderen Geschwindigkeiten zu denken und zu fühlen? Neben der Frage nach Zeitlichkeit, die durch das Material entsteht, stellen weitere Eigenschaften vom Glas, wie seine Fragilität, Transparenz und die Spiegelung der Betrachtenden weitere Dimensionen dar, die Elisabeth in Korrelation mit den Geländen versteht.
„Als wir angefangen haben, Pflanzen abzuformen, hatten wir den Eindruck, dass wir eigentlich Fossilien erstellen. Weil wenn man das jetzt nicht hinschmeißt, dann kann so ein Glas ein paar Tausend Jahre alt werden“ (E. Brosterhus 2024).
Mit diesem Zitat erklärte uns Elisabeth ihre Begeisterung für das Glas als Material, aus dem ein „Objekt der Erinnerung“ entstehen kann. Die verbrannte Pflanze verschwindet, aber die Erinnerung wird festgehalten. Es findet eine Verwandlung statt, ein starres Material, das aber immer in Bewegung bleibt, in einer langsamen Bewegung, die gleichzeitig fragil und beständig ist (ebd.).
Dieser Gedanke wird auch in der Umweltanthropologie reflektiert. Die Verschmelzung und Durchdringung von menschlichen und mehr-als-menschlichen Welten (vgl. Ingold 2013) rückt die Frage, wie mit mehr-als-menschlichen Akteur:innen gedacht werden kann, immer mehr in den Mittelpunkt unseres Nachdenkens über mögliche Zukünfte. Eine Begegnung, eine Verwandtschaft (vgl. Haraway 2007, 2016) mit den mehr-als-menschlichen Welten wird als eine mögliche Antwort auf die Krisen unserer Welt gesehen (vgl. Kirksey et al. 2013). Wie können wir nicht nur in Kontakt treten, sondern die dabei entstehenden Verbindungen greifbar machen und mit ihnen denken, anstatt über sie?
In der Ausstellung und mit unserem Film wollten wir diese fruchtbaren Verbindungen zu mehr-als-menschlichen Welten aufzeigen und in alltäglichen Zusammenhängen zur Diskussion stellen. In der Ausstellung wurde insbesondere das Heu, das Elisabeth in ihrer Installation in der Mitte des Raumes aufgetürmt hatte, kommentiert. Besucher:innen bemerkten den Geruch und folgten ihm die kleine Wendeltreppe hinauf in den Ausstellungsraum, Kinder suchten die Berührung mit dem duftenden, weich aussehenden Material und ältere Besuchende erzählten von ihren früheren Erfahrungen mit der Heuernte. Dabei wurde die sinnliche Vielfalt und Begegnung mit dem Material deutlich, die eng mit Emotionen wie Neugier oder Erinnerung verknüpft war. Aus diesen Begegnungen entwickelten sich Gespräche über die veränderte(n) Umwelt(en) und die Entfremdung im urbanen Raum. Auch unser Film wurde oft mit einem emotionalen Feedback im Bezug auf die sensorischen Reize kommentiert, vielleicht ist das die Sprache, in der die Umwelt(en) mit uns kommunizieren?
Unser Film erschien erstmals am 11.03.2025 bei NRWision um 18:35 Uhr und lässt sich in der Mediathek nachschauen:
https://www.nrwision.de/mediathek/beruehrte-gelaende-250304/
Die Ausstellung von Elisabeth Brosterhus kann ebenfalls online besucht werden:
https://broster.torhaus-rombergpark.de/
Literaturverzeichnis:
Brosterhus, Elisabeth. 2024. Interview für den Film. Geführt von den Autorinnen. Atelier der Künstlerin, Steinheim, Westfalen.
Brosterhus, Elisabeth. 2019. Geschmolzene Landschaften. Unveröffentlichter Aufsatz. Privatarchiv der Autorin
Calkins, Sandra, and Cornelia Ertl. 2022. “Botanical Discipline: The Senses and More-Than-Human Affect.” In Affect, Power, and Institutions, 125–43. Routledge.
Dawson, Ashley. 2022. Aussterben: Eine radikale Geschichte. Berlin: Kulturverlag Kadmos.
Haraway, Donna Jeanne. 2007. When Species Meet. Minneapolis: University of Minnesota Press.
Haraway, Donna J. 2016. Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene. Durham, NC: Duke University Press.
Ingold, Tim. 2013. “Dreaming of Dragons: On the Imagination of Real Life.” Journal of the Royal Anthropological Institute 19 (4): 734–52.
Kirksey, S. Eben, Nicholas Shapiro, and Maria Brodine. 2013. “Hope in Blasted Landscapes.” Social Science Information 52 (2): 228–56.
Kuni, Verena. 2020. “The Plants Are Watching Sensing.” In Spürtechniken: Von der Wahrnehmung der Natur zur Natur als Medium. Medienobservationen – Sonderausgabe.
MacDougall, David. 1998. “Beyond Observational Cinema.” In Transcultural Cinema, edited by Lucien Taylor, 125–39. Princeton, NJ: Princeton University Press.
Myers, Natasha. 2020. “Becoming Sensor in Sentient Worlds: A More-Than-Natural History of a Black Oak Savannah.” In Between Matter and Method, 73–96. Routledge.
Postma, Metje. 2022. “Observational Cinema as Process, Skill, and Method.” In Audiovisual and Digital Ethnography: A Practical and Theoretical Guide, edited by Cristina Grasseni et al., 114–42. Routledge.
Tsing, Anna Lowenhaupt. 2019. Der Pilz am Ende der Welt. Berlin: Matthes & Seitz Berlin.
Weiss, J. E., ed. 2022. [sýn] Zusammen [bíos] Leben: Kunst des Miteinanders als globale Überlebensstrategie. KUNSTFORUM, Bd. 281.
Abbildungsverzeichnis:
Bild 1: Filmausschnitt_Berührte Wiesengeräusche_Steinheim, Westfalen
Bild 2: Filmausschnitt_Dimensionen von Waldsterben_Steinheim, Westfalen
Bild 3: Filmausschnitt_Borkenkäfer Fraßspuren in Rinde_Atelier Steinheim, Westfalen
Bild 4: Hinter den Kulissen_Anbringen der Glaswerke_Torhaus Rombergpark, Dortmund
Bild 5: Hinter den Kulissen_Mithilfe beim Ausstellungsaufbau_Torhaus, Rombergpark, Dortmund
Bild 6: Filmausschnitt_Farbpigmente_Atelier, Steinheim, Westfalen
Bild 7: Hinter den Kulissen_Farbpigmente/Erdmaterialien sammeln_Steinheim, Westfalen
Bild 8: Filmausschnitt_Herstellung eines Glas Fossil_Glashütte Gernheim, Petershagen
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