Altablagerung und Naturwahrnehmung

Naturbilder, Altlasten und Altablagerungen als Forschungsobjekte der Kulturwissenschaft und ihre Verwendung in der Umweltpädagogik

von Lars Polten

Wissen zu Altablagerungen und Altlasten der Bundesrepublik Deutschland werden in der Umweltpädagogik oder dem Schulunterricht selten oder gar nicht vermittelt. Altablagerungen aus Abfällen aller Art (Siedlungs-, Gewerbe-, Industrieabfälle) kommen zu hunderten in allen Städten und Landkreisen vor, wohl weit über 100.000 gibt es in Deutschland. Sie entstanden dort, wo Raum zur Verfügung stand. Ausgebeutete Steinbrüche, Kiesgruben, Bergwerke, Lachen, Altarme, Teiche, Täler, Abhänge wurden Abfallorte von Siedlungs-, Gewerbe- und Industrieabfällen. Weitere illegale Ablagerungen benötigten zudem Abgeschiedenheit und Anonymität. Oft entstanden an Abfallorten Vermischungen aller Abfallsorten, in der BRD vermutlich bis in die 1970er, in der ehemaligen DDR i.d.R. bis Anfang der 1990er Jahre. Auch nach der Einführung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes 1994/1996 entstanden noch Ablagerungen in großen Ausmaßen, die auch heute noch unsaniert sind und zuwuchsen. Besteht die Möglichkeit, dass aus einer „Altablagerung“ Schadstoffe in die Umwelt austreten, spricht man von einem „Altlastenverdacht“, und wenn es nachgewiesen ist, von einer „Altlast“. Meist wurden seit den 90er Jahren nur die größeren Abfallorte erfasst, Verfüllungen von Dorfteichen oder kleineren Tongruben, oder Abfallschüttungen neben abgelegenen Gasthäusern wurden nicht in die Kataster aufgenommen. Informationen zu Altlasten und Altablagerungen, insbesondere Details zu Gutachten wie Messdaten oder Begutachtungszeiträume, sind nach Wissens des Autors i.d.R. nicht öffentlich einsehbar.

In der Sammlung und Analyse der Phänomene des Umgangs mit solchen Orten fällt auf, dass das öffentliche Bewusstwerden der Zustände in erster Linie durch die Identitätswünsche der ansässigen Menschen behindert wird. In Identitätsvorstellungen gibt es viele ethische Selbst-Ansprüche, die mit Sauberkeit und Ordnung der Umwelt codiert sind. Was bei Kleidung, Vorgärten und Zähnen gilt, gilt auch für die Räume einer Kommune: Alte Müllkippen und Ablagerungen sind da unordentlich, unangenehm und werden tendenziell vergessen oder verdrängt. Man kann Altablagerungen und Altlasten umweltpädagogisch nutzen, um zu verdeutlichen, dass der Großteil der Gesellschaft sich eigentlich nicht mit den Folgen übermäßigen Konsums und dem Entstehen von Umweltschädigungen beschäftigen will.

Bild 1. Eine von tausenden in jedem Bundesland. Zugewachsene unsichtbare kleine Deponie mit 90 m Durchmesser am Wegrand.

Bild 2. Nur im Winter werden die Haufwerke dieser Kippe am Beginn eines Tales ersichtlich.

Der Abfall in der Landschaft einer Stadt erweitert und verdichtet das Erzählen über die Entwicklung der Gesellschaft. Relikte in Form von Überresten oder Objekten werden auf Wanderungen oder Exkursionen im Allgemeinen als interessant wahrgenommen, weil die Teilnehmenden nichts davon wissen und weil die Fundsituation und die Objektinterpretation als spannend erfahren werden. Man begeht in vielen Naturräumen richtiggehend ein Freilichtmuseum. Oft sind auch positiv aufgeladene, „altehrwürdige“ oder „erhabene“ Identitäts-Orte direkt neben unbekannten und diskriminierten Abfallorten gelegen. Und mitunter sind verschiedene Abfallorte so nah zueinander in Nachbarschaft befindlich, dass ein Berichten bei Anwohnern darüber Erstaunen und zeitweises Erschrecken auslöst, weil es so viele sind und manche so ausgedehnt sind. Zu positiven Handlungen gegenüber Natur und in der Natur werden Texte und Schriften verfasst: In den letzten 25 Jahren ist die Zahl der verschiedenen Drucke von Outdoor- und Naturschutzzeitschriften, Broschüren, Naturbüchern über Reservate, Biotope oder Nationalparke, oder von Flyern aus Verwaltungen und Institutionen in die hunderte oder vielleicht tausende gegangen. Dazu kommt die Präsenz im Internet in Form von Webseiten, Naturfilmen, Modellen und Naturschutzinformationen. Und letztlich auch das Vorhandensein von Umweltinstitutionen: NABU, BUND, zahlreiche lokale Gruppen und Ableger und weitere Umweltvereine.

Die Anzahl an Büchern über Altlasten oder Altablagerungen ist überschaubar. Vergemeinschaftungen zum Thema Abfall gibt es allenfalls in Form von Bürgerbegehren oder -initiativen bei Umweltvergehen. Zur gesellschaftlichen Information und Aufklärung gibt es i.d.R. wenig oder keine Vereine.

Bild 3. Ansicht einer unabgedeckten Schüttungskante ca. 40 Jahre nach Einwurfende

Bild 4. Der Abfall ist zu sehen. Die Altlast darunter aus sieben Meter hoher Ablagerung nicht.

Die Abbildung der Natur ist medial und über die Jahre hinweg nahezu gleich geblieben: Die Bildelemente bestehen aus Blattgrün, Rindenbraun, Tiergesicht, Himmelsblau, Menschenlachen und vielleicht noch verträumten Wegen. Aus diesen Elementen bestehende Bilder entstehen mittlerweile täglich hunderte oder tausende in den sozialen Medien. Seit ca. 20 Jahren werden Bilder über Natur zunehmend digital in Bilddatenbanken gelagert, und seit ca. zwei Jahren sogar mit KI generiert – mit den genannten immer gleichen Inhalten. Der Bildaufbau formt die Grenzen unserer Beschreibungsvermögen. Aber neben den Bildern verändert uns auch die Sprache: Das stete Hören von „Naturschutz“, „Nationalen Naturlandschaften“, „Biosphärenreservaten“, „Naturerben“ usw. führen tendenziell zu eher positiven Hinterlassenschaften in unserem Bewusstsein. Schnell redet man dann von „Paradiesen“. Wenn ein Hochwald auf einer Müllkippe gewachsen ist, können wir letztere nicht wahrnehmen, weil die Wahrnehmung und die Beschreibung nicht möglich sind.

Bild 5. Schülerinnen und Schüler zeichnen im Rahmen einer Veranstaltung ihre mentalen Vorstellungen eines Naturraumes

Bild 6. Beispielbild 2x Naturraum einer Stadt, 2x Naturschutzgebiet. Dem Zeichnen folgt das Begehen von Ablagerungsräumen.

Bild 7. Begehung im Rahmen einer Exkursion. Aufgrund des Staubaufkommens in Schutzkleidung für die SuS inkl. Brillen und FFP2-Masken

Dies führt dazu, so eine These, dass man tendenziell eher zur Ansicht gelangt, dass ausreichend für Naturschutz getan werde. Eine weitere Arbeitsthese ist, dass schon eine Produktion und der Konsum von vielen Naturschutzmedien – Plakaten, Rollups, Tiermodellen, Flyern, Internetpräsenzen, virtuellen Modellen, Baumkronenpfaden, Hinweisschildern, Zeitschriften – zu diesem Eindruck des ausreichenden Tuns für Naturräume führen. Auffällig ist auch die Tendenz, dass der meiste aktuelle Müll oft woanders ist: in Übersee, im Pazifik, in Südostasien, oder im Nachbarort, aber nicht in der eigenen Gemeinde. Die Müllkippen des 20. Jahrhunderts oder die inländischen Bergwerksverfüllungen von Aschen sind in der Anzahl der monatlichen oder jährlichen Nachrichtenbeiträge sehr unterrepräsentiert.

Ebenso auffällig ist, dass die meisten Gemeinden, vielleicht alle, ihre Vorzeige-Naturräume haben, in denen Flora und Fauna für sich sein darf. Meist kann auch jede Gemeinde auf Naturschutzräume verweisen.

Die angeführten Aspekte sind teilweise durch Forschungsarbeit des Autors belegt. Die durch die Naturdarstellung unmögliche Wahrnehmung von Altlasten und Altablagerungen war der Auslöser für die Beschäftigung mit dem Thema beim Autor. Dieser stand 2015 mehrere Male auf einer Siedlungsmüllkippe einer ehemaligen Kaserne, ohne dies zu wissen. Aus den vielen Haufwerken des früher hingeworfenen Abfalls waren flache Hügel mit Laub geworden. Die zahlreichen Flaschen und Geschirrscherben wurden zunächst als frei gewühlte Beute von Sondelgängern gedeutet, deren Detektoren auf das falsche Material angesprochen hatten. Seitdem ist eine stete und kontinuierliche Zunahme an Forschungsfragen, -orten, -ergebnissen entstanden und ein Ende der Zunahme nicht abzusehen.

Der Autor freut sich über einen Austausch zum Thema und steht gern für Anmerkungen und Fragen zur Verfügung.

Fotografien: Lars Polten.

Luftbild und Geländemodell: Quellenangabe im Bild.

Bild 8. Beispiel für Luftbildrecherche. Teilweise unter den Gärten im oberen Bildteil entstand die Deponie im linken Bildteil. Inhalt sind Siedlungs- und Industrieabfälle.

Bild 9. Die dichte und teils unerzählte Kulturlandschaft beinhaltet hier bei Kahla große Deponien und NS-Arbeitslagerreste.

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