Von Desirée Hetzel, Patricia Usée, Till Goldmann, Pauline Münch, Fabio Brill
Entstanden aus Studierenden-Arbeiten, Forschung in CliWaC und Wissenschaftskommunikation in AnthropoScenes
Trailer Die Spree – Sinfonie eines Flusses von Gerd Conradt (2007):
Begegnung mit der Spree
Gesäumt von Auen, Wäldern, Dörfern und Kleinstädten, Erholungs- und Wirtschaftsstandorten fließt die Spree durch die Bundesländer Sachsen und Brandenburg und versorgt am Ende die wachsende Metropolregion Berlin mit Trinkwasser. In der Vergangenheit wurden ihre Auen durch Drainagesysteme für die landwirtschaftliche Nutzung trockengelegt und ihre Mäander begradigt. Der Fluss wurde Teil der Infrastruktur des Lausitzer Braunkohlereviers, und hatte zu DDR-Zeiten seinen großen Auftritt als Wasserstraße (Conradt 2005). Menschliche Einflüsse veränderten nicht nur die 380 km Wasserlauf und somit den Fluss selbst, sondern dies wirkte sich wiederum auf das soziale Zusammenleben an den Ufern aus. Anhand von Wasser-Infrastrukturen wie Schleusen, Wehre, Kanäle, Befestigungen und bewirtschafteten Flächen von Mooren bis Ackerflächen, lassen sich noch heute diese Beziehungen von Spree und den Bewohner*innen in der Landschaft ablesen (vgl. Krause und Strang 2016, Boelens et al. 2016).
Derzeit wird die Aufmerksamkeit der zwischen Kottmar und Berlin lebenden Menschen vor allem auf ein Thema gelenkt: Wasserknappheit. So titelt z.B. die Berliner Zeitung „Das Wasser wird knapp“. Sowohl Dürrejahre als auch die Umgestaltung des Lausitzer Braunkohle-Reviers in eine Seenlandschaft stellen Herausforderungen für das Wasserreservoir dar. Obwohl Berlin-Brandenburg zahlreiche Gewässer aufweist und Menschen es gewöhnt sind, nah am Wasser zu leben, wird Wasserknappheit zunehmend auch Teil der Alltagsgespräche. Damit stehen die historisch gewachsenen Beziehungen der Spree mit zahlreichen Akteur*innen vor der großen Herausforderung auszuloten, wie diese Beziehungen heute und für die Zukunft gestaltet werden können. Wasser ist hier das verbindende Element zwischen Menschen, Tieren, Fluss und Umwelt. In einzelnen skizzenhaften Abschnitten zeigen wir im Folgenden die Vergangenheit des sozialen Lebens der Spree – die Beziehungen zwischen Wasser, politischen Institutionen, wirtschaftlichen und kulturellen Praktiken, und dem Alltag der Menschen, die am Fluss leben (vgl. Wagner und Jacka 2018).
Regisseur und Filmemacher Gerd Conradt hat den für die Region und auch für ihn persönlich bedeutenden Fluss über einen Zeitraum von mehreren Jahren besucht und von der Quelle am Kottmar bis zur Mündung in die Havel in Berlin begleitet. In seinem Dokumentarfilm „die Spree – Sinfonie eines Flusses“ setzt der Regisseur die Verbindungen zwischen der Wasserinfrastruktur und dem sozialem Leben in Szene. Patricia, Till und Desirée analysierten rund 50 Stunden Material zu diesem Dokumentarfilm und erhielten Einblicke in alltägliche Mensch-Wasser Interaktionen und Gespräche mit Alltagsexpert*innen. In seinem Buch schreibt Gerd Conradt: „Alles Leben hängt mit dem Wasser zusammen“ (Conradt 2005:7). Dementsprechend versuchen wir diese Zusammenhänge zu erkunden und folgen dem Flusslauf in diesem historischen filmischen Dokument. Gleichzeitig heben wir zentrale Themen hervor, die mit Ausschnitten aus dem Filmmaterial verbunden sind: Der Rückbau der fossilen Infrastruktur mit Ende des Kohleabbaus und der Stilllegung der Kraftwerke, der Spreewald als Sehnsuchtsort zwischen Natur- und Kulturlandschaft, die Müggelspree als peripherer Fluss und Zeichen der Veränderung, einzigartig und wichtig für die wachsende Metropoloregion Berlin. Am Ende zeigen wir Zusammenhänge zu heutigen durch den Klimawandel verursachten Herausforderungen auf und legen dar, wie diese Filmabschnitte neue Impulse in Paulines Arbeit in der Wissenschaftskommunikation geben können.
Die von Fabio erstellte Karte zeigt den Verlauf des Flusses und setzt in einzelnen Punkten thematische Akzente in Verbindung mit dem historischen Filmmaterial.
Hier geht es zur interaktiven Karte: https://fabiobrill.github.io/SpreeKarte/
Ausblick: Dialoge schaffen und Zukunft gestalten
Der Besuch von wasserverbundenen Orten der sozialen und wirtschaftlichen Auseinandersetzung, der Erholung und der Alltäglichkeit im Filmmaterial ermöglichte es uns, die Beziehungen zwischen Menschen und Wasser zu analysieren. Obwohl das Filmmaterial inzwischen zwei Jahrzehnte alt ist, sind heutige Themen darin schon auszumachen: Umweltveränderung, Wasserverteilung, Wassermangel und gesellschaftliche Veränderung entlang der Spree.
Das Filmmaterial zeigt uns, dass die Zusammenarbeit mit Wasser sich in der Infrastruktur der Spree ausdrückt und sich dadurch Fluss und Menschen in einem ständigen Veränderungsprozess befinden – durch fossile Großprojekte, Gestaltung und Bewirtschaftung der Flussauen und politische Veränderungen bezüglich Nutzung und Naturschutz. Vor Jahrzehnten initiierte politische und wirtschaftliche Veränderungen prägten den Alltag am Fluss und die Flusslandschaft. Dabei mussten auch ökologische Zusammenhänge von Wasser und Artenvielfalt mitgedacht werden. Deutlich werden die Verbindungen zwischen wichtigen Wirtschaftsstandorten, Erholungslandschaft und der Metropolregion. Das Wasser der Spree verbindet die Lausitz durch den Spreewald und die Müggelspree mit Berlin. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen ländlichen und urbanen Raum und zwischen allen Bewohner*innen entlang des Flusses. Wasser ist Träger und Transportweg, Wasser formt Rückzugsorte und Treffpunkte, und Wasser versorgt alle Menschen, Tiere und Pflanzen gleichermaßen. Mögliche Konfliktpunkte werden im Filmmaterial bereits angedeutet: Wir hörten verschiedenen Meinung darüber, wieviel Einfluss auf die Landschaft genommen werden muss, und welchen Interessen, auch jenseits rein menschlicher Interessen, Beachtung geschenkt werden sollen. Jedoch konzentrieren sich zur Zeit des Filmdrehs die Gespräche und Handlungen der Protagonist*innen auf die Fähigkeit des Menschen, die Umwelt im positiven Sinne zu beeinflussen. Lösungsstrategien sind Anfang der 2000er Jahre vom Vertrauen in technische Ansätze für neue Wasserinfrastruktur, und Vertrauen in lokales Wissen durch Zusammenarbeit mit der Umwelt geprägt.
Heute sind die im Film aufgezeigten Themen geblieben – wenn auch mit zunehmenden Unsicherheiten, Komplexitäten und Verflechtungen. So stellen zum Beispiel die Klimaschutzanstrengungen und der damit verbundene politisch bestimmte Kohleausstieg die gesamte Spreeregion vor neue Herausforderungen. Wasser bleibt dabei zentral: Durch sich erhöhende Temperaturen und die zunehmende Trockenheit in der Region einerseits, und die vermeintlich paradoxen Folgen aus dem Braunkohleausstieg (weniger Oberflächenwasser durch fehlende Einleitung von Sümpfungswässern) andererseits. Was in der Lausitz geschieht, betrifft im weiteren Flussverlauf auch die Wasserlandschaft und die Wassermenge im Spreewald. Dies kann auch in Berlin Auswirkungen haben, wenn der Wasserstand der Müggelspree tatsächlich einen kritischen Zustand erreicht (Hüesker et al. 2011, Sonderhaus und Moss 2014).
Der Film bleibt für uns in zweierlei Hinsicht für heutige Herausforderungen relevant. Für das Verständnis der Veränderung bis heute, hin zu einer „dichten Gegenwart“ (Haraway, 2016). Und er dient als Katalysator, um einen Einblick in gegenwärtige Vorstellungen für die Zukunft zu gewinnen. Die Filmaufnahmen sind Teil der sozial- und kulturanthropologischen Forschung zu Veränderung von Mensch-Wasser-Beziehung entlang der Spree, indem sie weiterhin in Desirées Arbeit mit Menschen vor Ort Verwendung finden. Zusätzlich bleiben sie wichtig als ein von Gerd Conradt geschaffenes und kuratiertes Kunstwerk – mit dem Potenzial, tiefere Gespräche und Gedanken über die sich verändernde Region bei verschiedenen Publikumsgruppen auszulösen. Bedeutend ist dabei, dass die durch den Film angeregten Gespräche einen anderen Ton anschlagen, der emotionale Verbindungen, Erinnerungen und Geschichten hervorruft und die Imagination anregt.
Denn die komplexen, ungewissen und zusammenhängenden Herausforderungen für die Zukunft der Region erfordern nicht nur Klimaanpassungs- und Klimaschutzstrategien, sondern übergreifende gesellschaftliche Debatten über Wasser und Zusammenleben in Berlin-Brandenburg. Und diese Debatten erfordern angesichts der bereits erwähnten Dringlichkeit neue und innovative Ansätze, die über die altbekannten Strategien der Öffentlichkeitsarbeit und Wissenschaftskommunikation hinausgehen. Diese angeregten gesellschaftlichen Debatten sind wichtig, um ein umfassenderes und dynamischeres Verständnis von Wasser zu schaffen, um Strategien zu entwickeln, die über rein technologische Lösungen hinausgehen und Alltagswissen miteinbeziehen (Münch und Niewöhner 2022).
Daher wird unserer Meinung eine Zusammenarbeit zwischen Kunst und Wissenschaft immer wichtiger. Zurzeit baut Pauline eine künstlerisch-wissenschaftliche Kooperation auf, bei der multimodale Kunstformen mit Sound, Theater und Bild entwickelt werden, die tief an einem bestimmten Ort im Spreewald verankert sind. Bürger*innen und Wissenschaftler*innen sind eingeladen, gemeinsam mit Künstler*innen diesen Ort zu erkunden und mitzuwirken. Als Teil dieser Zusammenarbeit wird das Filmmaterial von Gerd Conrad innerhalb eines kreativen Werkes neue Verwendung finden – um eine Debatte über die Vergangenheit und Gegenwart der Spree anzuregen. Anstelle einer frontalen Darbietung treten partizipative kreative Formate und die Möglichkeit, unterschiedliche Sichtweisen auf das Thema Wasser kennenzulernen. Zudem bezieht diese Zusammenarbeit auch die Gewässer und die Spree selbst als Akteur*innen mit ein. In dieser kreativen Kollaboration sollen Vorstellungen herausgearbeitet werden, wie gemeinsam mit den Folgen des Klimawandels umgegangen und ein Weg in eine lebenswerte Zukunft in der Region gefunden werden kann.
Literatur
Boelens, Rutgerd; Hoogesteger, Jaime; Swyngedouw, Erik; Vos, Jeroen; Wester, Philippus (2016): Hydrosocial territories: a political ecology perspective. In: Water International 41 (1), S. 1–14. DOI: 10.1080/02508060.2016.1134898.
Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (2022): Der Kohleausstieg in der Lausitz. Wo öffentliche Wahrnehmung und die Bedeutung für regionale Beschäftigung divergieren. Fachbeitrag. https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/forschung/fachbeitraege/raumentwicklung/strukturwandel-braunkohlereviere/spannungsfeld-kohleausstieg-lausitz/01-start.html
Conradt, Gerd (2005). Die Spuren der Muscheln. Gespräch mit Dr. Martin Pusch. In An der Spree – der Fluss, die Menschen, 109-113. Berlin, Transit.
Conradt, Gerd (2007). Die Spree – Sinfonie eines Flusses. ma.ja.de. filmproduktion, RBB, Koppfilm.
Gabriel, O.; Balla, D.; Kalettka, T.; Maassen, S. (2008): Sink or source? – The effect of hydrology on phosphorus release in the cultivated riverine wetland Spreewald (Germany). In: Water science and technology : a journal of the International Association on Water Pollution Research 58 (9), S. 1813–1822. DOI: 10.2166/wst.2008.564.
Grünewald, Uwe (1996): Grundwasserprobleme in der Lausitz. In: Beste, Dieter et al. (1996): Wasser – der bedrohte Lebensstoff. Springer Link. S. 54.
Haraway, Donna (2016). Staying with the Trouble. Duke University Press.
Hüesker, Frank, Moss, Timothy, und Naumann, Matthias (2011). Managing Water Infrastructures in the Berlin-Brandenburg Region between Climate Change, Economic Restructuring and Commercialisation. DIE ERDE – Journal of the Geographical Society of Berlin, 142(1-2), 187–208. Retrieved from https://www.die-erde.org/index.php/die-erde/article/view/48
Krause, Franz; Strang, Veronica (2016): Thinking Relationships Through Water. In: Society & Natural Resources 29 (6), S. 633–638. DOI: 10.1080/08941920.2016.1151714.
Lien, Marianne Elisabeth (2015): Becoming salmon. Aquaculture and the domestication of a fish. Oakland, California: University of California Press (California studies in food and culture, 55).
Münch, Pauline; Niewöhner, Jörg (2022): Building Sustainable Water Futures. In: The Frontlines of Environmental Politics in Europe, special issue of Europe Now Journal 48.
Rössig, Wiebke (2015): Ordnung und Unordnung. Berlin, Humboldt Universität zu Berlin, Diss., 2012. Humboldt Universität zu Berlin, Philosophische Fakultät I, Berlin.
Sondershaus, Frank; Moss, Timothy (2014): Your Resilience is My Vulnerability: ‘Rules in Use’ in a Local Water Conflict. In: Social Sciences 3 (1), S. 172–192. DOI: 10.3390/socsci3010172.
Wagner, John R.; Jacka, Jerry K. (2018). Introduction: River as an Ethnographic Subject. In Island Rivers: Fresh Water and Place in Oceania, 1-25. ANU Press.
