Organisiert von Cornelia Ertl, Kathrin Eitel, Felix Lussem

Überblick und thematischer Fokus

Am 19. und 20. Mai fand das 5. Netzwerktreffen der AG Umweltethnologie der Deutschen Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie (DGSKA) an der Freien Universität in Berlin statt. Gefördert von der DGSKA und dem Sonderforschungsbereich ‘Affective Societies’ fanden sich im Rahmen des Workshops ‘Exploring Unruly Sites of More-than-Human Entanglements’ 27 Wissenschaftler:innen aus unterschiedlichen Disziplinen ein. Der von Beginn an interdisziplinär ausgelegte Workshop, der mit einer Keynote des Humangeographens Matthew Gandy am Freitagabend endete, fand auch Resonanz bei angrenzenden Disziplinen, wie der Europäischen Ethnologie und der Humangeographie. Ziel des Workshops war es zum einen, eine Debatte über relationale und mehr-als-menschliche Ansätze in der Umweltethnologie zu fördern, als auch eigene methodische Ansätze im Rahmen von kleinen Feldexkursionen zu erproben. Inspiriert wurden die angestoßenen Diskussionen von insgesamt 8 Beiträgen, die sich auf zwei Panels am 1. Tag aufteilten. Zum anderen stand als weiteres Ziel die stärkere Vernetzung der Mitglieder untereinander und zu anderen Wissenschaftler:innen mit ähnlichen Forschungsinteressen im Vordergrund.

19.05.2022: Beiträge im Panel
Im Zeichen des ersten Workshoptages standen insgesamt 8 Beiträge, die sich auf zwei Panels aufteilten: einem Panel zu theoretischen und methodologischen Ansätzen in der relationalen Umweltethnologie und einem Panel, das sich mehr-als-menschlichen Zusammenkünften widmete. Ziel des ersten Tages war es also nicht nur theoretischen und methodischen Input zum Thema ‚Exploring unruly sites‘ zu generieren, sondern auch erste offene Fragen aus Diskussionen zu bündeln und mit in den explorativen Teil des Workshops an Tag 2 zu nehmen.

Im ersten Panel mit dem Titel ‚Approaching Unruly Sites‘ sprach Carsten Wergin (Heidelberg Centre for Transcultural Studies, Uni Heidelberg) über das von der Volkswagen-Stiftung finanzierte interdisziplinäre Forschungsprojekt ‚Mobile Mosquitoes – understanding the entangled mobilities of Aedes mosquitoes and humans in India, Mexico, Tanzania and Germany’. Katherine Sammler (Marine Political Ecology focus group, Helmholtz Institute for Functional Marine Biodiversity) stellte in ihrem Beitrag  ‚Mt. Taranaki’s magnetic sands: Granular matters connecting seabed mining to mountain ancestor‘ ihre Forschung in Neuseeland vor. Theoretisch wurden die beiden Beiträge von Christoph Antweiler (Institut für Orient- und Asienwissenschaften, Uni Bonn), der einen kritischen Vortrag zu ‚More-Than-Human Approaches – A Critique‘ erbrachte und aus methodologischer Sicht von Verena Kuni (Institut für Kunstpädagogik, Uni Frankfurt/Main) ergänzt. In eine ‚Toolbox for Unruly Research‘ stellte Kuni neue methodische Herangehensweise an mehr-als-menschliche Felder dar, die aus ihrer derzeitigen Forschung rührten. In der abschließenden Diskussion ging es unter anderem um die Frage, welche Rolle geologisches Wissen um Deep Time in Feldforschungen spielen kann und wie sich das Ineinander-Fallen von planetarer und menschlicher Geschichte, den das Anthropozän impliziert, auf ethnologische Fragestellungen und Forschungsmethoden auswirkt.

Im zweiten Panel ‚Water Sites‘ wurden an empirischen Beispielen konkrete Möglichkeiten und Grenzen eines mehr-als-menschlichen Ansatzes und Forschung aufgezeigt. César Giraldo Herrera (Leibniz Centre for Tropical Marine Research) berichtete in ‘Sweet Trawling dreams’ von der Arbeit auf einem Fischkutter und den körperlichen und affektiven Auseinandersetzungen zwischen Fisch und Mensch. Yvonne Kunz (Human Geography, Royal Netherlands Institute for Southeast-Asian and Caribbean Studies, Leiden) stellte in  ‘Unruly waters – Marine Protected Areas in a changing climate’ vielschichtigen Aushandlungsprozesse rund um ein Meeresschutzgebiet vor. Franziska Klaas (Department of Social Anthropology, University of Oslo) sprach in  ‚Clarias gariepinus – An unruly companion in the making of knowledge on Persistent Organic Pollutants’ über die Rolle des afrikanischen Raubwels in der Untersuchung von Schadstoffen im Wasser und die multispecies Dynamiken in dieser Forschung. Jan Bartsch (Philipps-Universität-Marburg) stellte mit ‘Metabolic Apparatuses in Urban Food Production. The Political Ecology of Aquaponics’ seine Forschung zu einem Aquaponics Projekt und den zugrundeliegenden multispecies Dynamiken, ökologischen Überlegungen und praktischen Schwierigkeiten vor.

In der abschließenden Diskussion ging es unter anderem um die Frage, welches Wissen über nicht-menschliche Akteure durch die Kollaboration mit naturwissenschaftlichen/technischen Experten entsteht. Dabei wurde auch die Übertragung des Begriffs “Arbeit” (“labor”) auf nicht-menschliche Praktiken kritisch hinterfragt sowie die Position debattiert, ob Ethnographen sich in interdisziplinären Kooperationen auf ihre Stärken besinnen sollten, menschliche Praktiken interpretierend zu beschreiben. Zum Abschluss des ersten Tages und als Vorbereitung auf die Exkursionen sowie die Keynote am 20. Mai wurde die Dokumentation Natura Urbana: The Brachen of Berlin von Matthew Gandy und Sandra Jasper gezeigt. Der Film von 2017 beschäftigt sich mit der Geschichte sowie den gegenwärtigen sozialen und ökologischen Strukturen verschiedener Berliner Brachflächen, von denen einige auch im Rahmen der Exkursionen am folgenden Tag besucht wurden.

20.05.2022: Erläuterungen zu den Exkursionen
In Gruppen von zwei bis vier Personen erkundeten die Teilnehmenden auf eigene Faust circa drei Stunden lang jeweils eine der folgenden Unruly Sites:

  • Tempelhofer Feld: das Gelände des ehemaligen Tempelhofer Flughafens. Einzelne Bereiche werden mittlerweile unter anderem zum Grillen, Rollschuhfahren, als Hundespielwiese, Community Garten oder als Brutplatz für die gefährdete Feldlerche genutzt.
  • Naturpark Südgelände: ein ehemaliger Rangierbahnhof, dessen Schienen noch vorhanden, inzwischen aber größtenteils überwachsen sind. Auf einem Teil der Fläche wird nicht in die Entwicklung der Flora eingegriffen, wodurch auch Bäume und hohe Sträucher gewachsen sind. Eine andere Fläche wird durch weidende Schafe frei gehalten, damit der Lebensraum für ruderale Pflanzen erhalten bleibt.
  • Alte Siemensbahn: eine verlassene Bahnstrecke im Norden Berlins, die mehrere “Geisterbahnhöfe” miteinander verbindet. Die Gleise und Bahnsteige sind zu weiten Teilen bereits von Pflanzen be-/ überwachsen.
  • Prinzessinnengarten St. Jakobifriedhof: ein Gemeinschaftsgarten auf dem Gelände des Neuen St. Jakobifriedhofs. (wurde im Rahmen der Exkursionen nicht besucht)
  • Teufelsberg: ein künstlicher Hügel im Grunewald, der nach Ende des zweiten Weltkriegs aus Trümmern und Geröll aufgeschüttet wurde und mittlerweile von Wald bedeckt ist. Die verlassene Abhörstation aus dem Kalten Krieg dient mittlerweile als “Galerie für Streetart”.

Die Exkursionen gaben die Möglichkeit, im Rahmen des Workshops nicht nur über Unruly Sites zu sprechen, sondern sie auch spielerisch-kreativ zu erkunden und zu erfahren. Als Orientierung diente eine Liste mit möglichen Fragestellungen, an denen die Teilnehmenden entlang denken konnten. Weiterhin konnten sich die einzelnen Gruppen aus einer Kiste mit kreative Ansätze fördernden Materialien bedienen, wie etwa Kreide, Schnur oder Post-its. Fotografie, Audio- und Videoaufnahmen wurden ebenso als Methoden eingesetzt. Ein positiver Nebeneffekt der Exkursionen war, dass sie den Teilnehmenden die Möglichkeit gaben, sich außerhalb der Panels zwanglos zu unterhalten. Die Bewegung an der frischen Luft und in für akademische Gespräche ungewöhnlichen Umgebungen regte interessante Gedanken an und schuf Gelegenheit, sich besser kennen zu lernen und zu vernetzen.

Nach den Exkursionen stellten sich die Teilnehmenden ihre Erlebnisse, Vorgehensweisen und Überlegungen in Kleingruppen im regen Austausch gegenseitig vor. Darauf aufbauend wurden im Plenum vor allem zwei übergreifende Thematiken diskutiert: Ausgehend davon, welche Eigenschaften Orte als “unruly” charakterisieren, wurden die Begrifflichkeit bzw. das dahinter vermutete Konzept insgesamt hinterfragt. Dabei spielten Grenzziehungen, Ordnungs- und Regelsysteme sowie deren Unterwanderung und Umdeutung ebenso eine Rolle wie das Zusammenspiel bzw. die Gegenüberstellung menschlicher und nichtmenschlicher Akteure. Außerdem wurden die Möglichkeiten und Grenzen der erprobten kreativen Methoden evaluiert, vor allem im Hinblick auf die sehr kurze Dauer der Exkursionen bzw. der in ihrem Rahmen versuchten Mini-Feldforschungen. Zum Abschluss des Workshops gab Matthew Gandy (Department of Geography, University of Cambridge) die auch digital übertragene Keynote “Natura Urbana: Ecological Constellations in Urban Space”.

 

Ergebnisse des Workshops und zukünftige Pläne
Der Workshop konnte einen wichtigen Beitrag zum Austausch und der weiteren Vernetzung sowohl innerhalb der AG als auch über ihre Grenzen hinaus leisten. Gerade auch die Teilnahme von Personen aus anderen Disziplinen (Geographie und Architektur) und aus dem künstlerischen Bereich bereicherte den interdisziplinären Austausch. Im Hinblick auf die Ergebnissicherung erklärten sich die Teilnehmenden bereit, über das Ende des Workshops hinaus in ihren Exkursions-Gruppen zusammenzuarbeiten und ihre jeweiligen Eindrücke sowie gesammelten Materialien in Form kurzer Blogbeiträge für die Webseite der AG aufzubereiten. Diese sollen bis Ende Juli bei den Sprecher:innen eingereicht werden und werden voraussichtlich Ende 2022 online gestellt. Dies ist eine spannende Gelegenheit, Formen des kreativen, kollaborativen und interdisziplinären Arbeitens auszuprobieren. Die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen kreativer bzw. spekulativer Methoden wird zudem im Rahmen eines von der AG Umweltethnologie organisierten Roundtables auf der DGSKA Tagung 2023 mit dem Titel „Anthropological Knowledge as More-Than-Human Co-Production“ (Panelnr. 53) weiter vertieft werden.